Stefanie Bollag

«Juble, du Unfruchtbare, die nicht geboren hat!»

Was bedeutet Geburt im religiösen Judentum? Welche Rolle spielen Gebet, Generationenverbundenheit und medizinische Möglichkeiten – und was bleibt dabei zutiefst individuell? Die Hebamme Steffi Bollag verbindet biblische Bezüge mit Erfahrungen aus dem Gebärsaal und persönlichen Beobachtungen aus der jüdischen Praxis. So entsteht ein vielschichtiger Einblick in ein Thema, das zwischen Tradition, Minderheitenbewusstsein und moderner Reproduktionsmedizin steht.

Ich erlaube mir, mit einem vielleicht kontroversen Text einzusteigen; er stammt aus dem ersten Buch der fünf Bücher Mose, BERESCHIT- zu Deutsch GENESIS, genauer aus Jesaia 54,1-3, einer Art «Sekundärliteratur» zu den Büchern Mose und lautet:

«Juble, du Unfruchtbare, die nicht geboren hat. Brich in Jubel aus und jauchze, die keine Wehen hatte!

Denn zahlreicher sind die Kinder der Verlassenen als die Kinder der Verheirateten, spricht der Ewige»

Dieser Satz mag in einem Text über Geburt und Reproduktion im Judentum vielleicht seltsam anmuten. Dennoch habe ich ihn als Einleitung gewählt, um gleich zu Beginn deutlich zu machen, dass auch in den alten Schriften Frauen, die nicht geboren haben, als wertvoll beschrieben werden – ja, mehr als das: Die Kinder der Verlassenen können zahlreich sein.

Korrektheitshalber ist jedoch anzumerken, dass die Stelle im weiteren Zusammenhang der Schrift nicht wörtlich auf eine einzelne Frau bezogen ist: Betrachtet man den grösseren Kontext, wird die unfruchtbare Frau mit Zion beziehungsweise Jerusalem im Exil gleichsetzt. Dennoch werde ich später in Bezug auf Gebären- Nicht Gebären auf diese Passage zurückkommen.

Geburt ist individuell – auch im religiösen Kontext

Einerseits ist das Gebären als Solches eine universelle Angelegenheit: Ein Kind geht den Weg vom schützenden, nährenden Bauch ins Freie, in die Welt, ins Leben und wird dort in den meisten Fällen wärmend, versorgend empfangen.

Ich habe als Hebamme mit Frauen aus vielen verschiedenen Ländern, Kulturkreisen und sozialen Schichten geboren, viel beobachtet und gelernt. So viel sei hier bereits gesagt: Leichtfüssige Zuordnungen und Labels gibt es definitiv nicht – jedenfalls nicht in dem Sinne, dass «diese» Frauen so gebären und «jene» anders. Wohl aber gibt es unterschiedliche Zugangsweisen, Vorstellungen, Vorschriften und Begleitumstände. Daher werde ich im weiteren Verlauf zwischen Geburt und Umfeld unterscheiden.

Bild: iStock. Foto: @ViDi Studio

Ich kann auch – leider oder zum Glück – nicht erzählen, wie es im Judentum bei der Geburt zugeht, denn jede Geburt ist anders und individuell. Manchmal spielt die Religion eine Rolle, manchmal nicht. Und sicherlich hängt vieles auch davon ab, an welchem Prt und in welchem Kontext eine jüdische Frau gebiert.

Nicht an ihrer Seite? Die Rolle des Vaters

Wenn eine religiöse Frau ein Kind erwartet und dieses in eine religiöse Familie hineingeboren wird, gibt es tatsächlich einiges zu beachten. Der wesentlichste Unterschied im Geburtsprozess selbst bestand in den 1980er-Jahren darin, dass die Ehemänner nicht an der Seite ihrer Frauen standen – etwas, das damals in einer Grossstadt wie Zürich bereits als ungewöhnlich oder gar verpönt galt. Auf die Geburt als Paarerlebnis verzichten? Das wurde oft nicht verstanden. Aus heutiger Sicht greift eine solche Bewertung aber zu kurz.

Richtig ist jedoch, dass der Mann im religiösen Judentum in der Regel eine andere Funktion übernimmt: Er sitzt vor dem Gebärsaal und betet – das ist seine Aufgabe. Beten darf jedoch jede und jeder, nicht nur der Ehemann, auch ganz informell nach eigenem Bedürfnis und Gutdünken.

Die Gebete, die in diesem Zusammenhang gesprochen werden, speisen sich aus der Vorstellung, dass die Geburt potentiell lebensgefährlich ist – was sie über Jahrtausende hinweg auch tatsächlich war. Ob es sich um die Psalmen (Tehilim) handelt, persönliche Bittgebete oder Texte aus dem Talmud handelt: Gebetet wird nahezu immer um

  • Schutz der Mutter
  • das Leben des Kindes
  • die Weisheit der Hebammen und Ärzt:innen

Von besonderer Bedeutung sind zudem personalisierte Gebete, also Gebete, in denen die Gebärende namentlich genannt wird – etwa: «Ich bete für (Name der Frau, Tochter von), für….»

Hier möchte ich einfügen, dass es auch im religiösen Judentum – wie in anderen Kulturen – bis heute den Brauch gibt, für das Kind vor der Geburt nichts vorzubereiten, sondern erst danach. Dies ist kein Gesetz («Din»), sondern ein Brauch («Min Hag»). Dieser stammt aus Zeiten, in denen eine Geburt tatsächlich mit erheblichen Risiken verbunden war. Man wollte das «böse Auge» nicht locken, kein Unglück heraufbeschwören und nicht prahlerisch wirken.

Ich hatte das Gefühl erklären und vermitteln zu müssen

Als ich am Universitätsspital Zürich (USZ) als Hebamme arbeitete, kam es immer wieder vor, dass wir streng religiöse Frauen unter der Geburt betreuten, deren Ehemänner nicht dabei sein wollten oder konnten. Das war für mich immer etwas schwierig. Ich hatte das Gefühl, erklären und vermitteln zu müssen. Bei meinen Kolleginnen meinte ich um Verständnis werben zu müssen für die Tatsache, dass der Mann nicht an der Seite seiner Frau stand.

Es gibt viele Wege, Formen und Menschen, um bei der Geburt zu begleiten.

Heute weiss ich, dass er das durchaus tut – auf eine andere Art und Weise. Später, als ich mit Frauen aus allen Kontinenten geboren habe, wurde mir bewusst, dass unsere damalige westliche, mitunter leicht überhebliche Sichtweise lediglich einen kleinen Ausschnitt aus der langen und vielfältigen Weltgeschichte des Gebärens erfasste. Sie ergab kein vollständiges Bild. Es gibt sehr viele Wege, Formen und Menschen, um eine Frau unter der Geburt angemessen zu begleiten.

Literatur, Malereien und andere Zeugnisse lassen uns vermuten, dass das Begleiten von Gebärenden reine (?) Frauensache war (ich bin hier vorsichtig geworden, da wir gerade in der heutigen Zeit dank modernster Möglichkeiten erkennen, dass unsere bisherige Geschichtsschreibung nicht immer korrekt sondern stark vom „Wir und heute“ geprägt war). Es kann aber dennoch gut möglich sein, dass Männer – bei der ganzen Geburt anwesend- ein eher neues, modernes Phänomen sind.  

Ich kann machen, was ich will, ich gehöre zum anderen Geschlecht.

Nie vergessen werde ich den werdenden Vater, der sich redlich bemühte, seiner Frau zur Seite zu stehen, und einmal verzweifelt sagte – nachdem er erneut gesehen hatte, wie sehr seine Frau unter einer Wehe litt: «Ich kann machen, was ich will, ich gehöre zum anderen Geschlecht». Dieser Satz ging mir lange nach und half mir, die Rolle der Männer in dieser aussergewöhnlichen Situation neu zu überdenken.

«Le Dor va Dor» – Geburt und Generationen

In unterschiedlichen Kontexten betrachtet ist das Gebären im Judentum sicher ein stark verbindendes Element zwischen Mutter und Tochter – und damit auch zwischen Grossmutter und junger Mutter –, doch es geht um weit mehr als diese familiäre Beziehung.

Jüdinnen und Juden machen weltweit lediglich 0,2 % der Weltbevölkerung aus. Wir sind eine Minderheit. Vor diesem Hintergrund erhält das – auch im wörtlichen Sinn numerische – Überleben eine besondere Bedeutung. Bei jüdischen Familien habe ich oft das Gefühl, dass sich dieses unsichtbare Band des Begriffes «Le Dor va Dor» – «von Generation zu Generation» – beinahe körperlich in der Nabelschnur ausdrückt.

Hebammen und andere Geburtsbegleiterinnen

Ich persönlich kenne kein kulturelles, religiöses Umfeld, in dem Hebammen kein hohes Ansehen geniessen. Zwar gibt es seit der Entwicklung der Schulmedizin öfters Konkurrenzverhalten zwischen Ärzt:innen und Hebammen, doch das Bild der Hebamme als wissende, erfahrene Frau hat sich über Jahrhunderte – vielleicht Jahrtausende – weitergetragen. So auch im Judentum: Hebammen hatten und haben eine wichtige Aufgabe.

Doulas haben sich in den letzten Jahren eine starke Position geschaffen.

Israel, das nach wie vor eine vergleichsweise hohe Geburtenrate aufweist (rund 2,8-2,9 Kinder pro Frau gegenüber etwa 2,1 im internationalen Durchschnitt; bei den ultraorthodoxen Familien oft deutlich mehr), kennt zudem seit vielen Jahren die Tätigkeit der Doula (griechisch für «Dienerin», «helfende Frau»). Doulas stehen den Frauen während der Geburt zur Seite, führen jedoch keine Geburt selbst durch. Häufig sind es Frauen, die selbst Kinder geboren haben und die Gebärenden begleiten und unterstützen. Diese Doulas haben sich auch bei uns den letzten 10, 15 Jahren eine starke Position geschaffen und können oft als win- win bezeichnet werden, da sie die Frauen begleiten und die Hebammen entlasten. 

Reproduktion und medizinische Hilfestellungen

Da Kinder im Judentum grundsätzlich als erwünscht gelten (siehe oben), spielt das Thema der Reproduktion eine grosse Rolle. Prinzipiell lässt sich sagen, dass vieles erlaubt ist, um eine Schwangerschaft zu ermöglichen. Gleichzeitig wird diese Frage stets aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet – insbesondere aus ärztlicher und rabbinischer Sicht.

Themen wie IVF (In-vitro-Fertilisation), Eizellenspende, gegebenenfalls auch Samenspende sowie Leihmutterschaft (in der Schweiz nicht erlaubt) werden unter sehr strengen Grundsätzen diskutiert. Diese Grundsätze entstehen jeweils aus der Perspektive bestimmter religiöser Gruppierungen und ihrer halachischen Auslegung.

Letztlich entscheidet ein Paar, wie sie verfahren möchten.

Eine besonders spannende Frage betrifft beispielsweise die «genetische Mutter» – ist damit die Eizellenspenderin gemeint oder die Frau, die das Kind austrägt? Zugleich ist festzuhalten, dass es für beide Positionen sehr viele, hochkomplexe, gute und kluge Argumente gibt. Letztlich entscheidet ein Paar, wie sie verfahren möchten, an welche Regeln es sie sich halten will und welchem Rabbiner beziehungsweise welcher Ärztin oder welchem Arzt es vertraut.

«Juble …» – ein neuer Blick auf Erfüllung

Abschliessend möchte ich noch einmal auf den Anfang zurückkommen («Juble…» ff.) und erwähnen, dass es heute auch für religiöse Frauen einfacher geworden ist, sich ganz, integer und authentisch zu fühlen – auch ohne Kinder (und allenfalls ohne Ehe).

Auch in der jüdischen, religiösen Welt, die stets ein Mikrokosmos im Makrokosmos ist, zeigt die Emanzipation ihre Wirkung. So kann auch und eine ledige, kinderlose Frau jubeln und «zahlreiche Kinder haben» – vielleicht in einem übertragenen Sinn, durch berufliche, soziale und gesellschaftliche Erfüllung im eigenen Leben.


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Autor:in

  • Stefanie Bollag

    Stefanie Bollag, aus der Pflege, der Geburtshilfe und dem Management in der Gerontologie kommend , seit 2024 Präsidentin der Israelitischen Gemeinde Basel, (IGB).

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