Unverschworene Ansichten eines Mainstreamers

Wann sind Verschwörungsmythen gefährlich und wann nur skurrile Erzählungen? Hier eine Grenze zu ziehen und sich zu überlegen, wie gefährlichen Verschwörungsmythen begegnet werden sollte, war nie dringlicher als in der jetzigen Zeit. Gerade wenn biblische Texte verwendet werden, um Ereignisse in der Pandemie zu beschreiben, gilt es zwischen potentieller Verheissung und einem missbräuchlichen Umgang mit der Schrift zu unterscheiden.

Universitätsstadt Kiel im Jahr 1999. Ich sass an meiner Examensarbeit. Mit der virtuellen Vernetzung von Universitätsbibliotheken war es damals noch nicht weit her und so musste ich mich zwecks Literaturrecherche an die Kirchliche Hochschule des Bielefelder Stadtteils Bethel begeben. So setzte ich mich einen Tag dort in die Bibliothek. Schon tags darauf war ich wieder zu Hause. Zurück im Wohnheim erzählte ich meinem Zimmernachbarn, einem Biologiestudenten in der Gemeinschaftsküche von meinem Kurztrip. Er schaute mich mit grossen Augen an, ging auf Abstand zu mir und sagte misstrauisch: «Du sagst, du warst in Bielefeld? Bielefeld gibt’s nicht.» Ich stutzte. «Aber ich war doch da!», gab ich schliesslich zurück. «Nein. Warst du nicht. Die angebliche Existenz von Bielefeld ist Teil einer grossen Verschwörung.»

«Wie bitte?»

Ich holte ein ausgeliehenes Buch und verwies auf den Stempel, auf dem Kirchliche Hochschule Bielefeld-Bethel stand. Er stiess es weg. «Bielefeld gibt’s nicht», wiederholte er bestimmt und fuhr mit kreischender Stimme fort: «Die Existenz Bielefelds ist eine Verschwörung von Ausserirdischen. Das angebliche ‚Bielefeld‘ wird uns nur durch aus dem Weltraum gespiegelte Gebäude vorgegaukelt, um den Eingang von Atlantis zu verbergen. Und du bist Teil der Verschwörung! Du bist auch ein Ausserirdischer! Ihr wollt uns vernichten! Das ist doch euer Plan! Aber ich habe euch durschaut! Mich kriegt ihr nicht! Hinweg von mir, Alien», quiekte der Biologe in spe gellend, rannte aus der Küche und liess mich einigermassen ratlos zurück.  

Nun sagt Jesus zwar «mein Reich ist nicht von dieser Welt», darüber hinaus: ich studierte Theologie und bin in irdischen Dingen keine Leuchte, seien es handwerkliche Fähigkeiten oder Fussball. Aber das macht mich nicht zum Ausserirdischen!

Und Bielefeld gibt es!

Aber mein Nachbar? Er war eigentlich ein intelligenter, rationaler Mensch. Ich verstand die Welt nicht mehr! Aber er vielleicht auch nicht. Es ist ja auch schwierig, die Welt und uns in ihr zu verstehen. Als angehender Biologe wusste mein Nachbar, dass das menschliche Gehirn evolutionär bedingt darauf getrimmt ist, zu Erlebtem Verbindungen herzustellen und Muster zu erkennen. Einerseits hat diese Fähigkeit den Fortbestand der Menschheit gesichert. So wurde in frühesten Zeiten beispielsweise der tödliche Biss einer Schlange vom Rest der Gruppe als Warnung angesehen, sich dieser Art Schlange künftig nicht mehr zu nähern. Andererseits befeuert diese psychologische Fähigkeit, wie Michael Butter in seinem Buch Nichts ist wie es scheint – Über Verschwörungstheorien beschreibt, das Herausbilden von Vorurteilen und Konspirationismus, denn das Gehirn neigt schlechterdings dazu, Verbindungen auch dort zu knüpfen, wo keine sind. 

Hier zwei Beispiele: Der Illuminatenorden, ein kleiner, von 1776 bis 1785 an der Universität Ingoldstadt bestehender Studentenbund, der sich der Lehre der Aufklärung als Gegenpol zur damals jesuitisch geprägten Hochschule verpflichtet fühlte, wurde in den 60ern des letzten Jahrhunderts der massgeblichen Teilhabe an einer angeblichen kommunistischen Weltverschwörung beschuldigt. Des Weiteren gibt es Leute, die glauben, dass die Erde flach ist. Diese Flat Earther genannte Gruppe, eine – Achtung Wortwitz – globale Bewegung mit laut facebook rund 250.000 Gläubigen, hält die seit Galileo Galilei als Allgemeingut verbriefte Erkenntnis der Rundheit der Erde für eine Konspiration von NASA und CIA. Soweit, so skurril. 

Und ist nicht die Corona-Pandemie ebenfalls eine Erfindung der Eliten?

Schwieriger wird es mit dem QAnon-Verschwörungsmythos. Kurz gesagt, so beschreibt es die Verschwörungsexpertin Julia Ebner, behauptet ein angeblicher amerikanischer Geheimdienstmitarbeiter mit der höchsten Geheimhaltungsstufe Q, dass Donald Trump dabei sei, einen kriminellen Ring liberaler Eliten rund um Angela Merkel, Bill Gates, zahlreiche Hollywoodgrössen, Banker, Pharmafirmen u.v.a. auszuheben, die Kinder in unterirdischen Verliessen halten, um ihnen Adenochronin abzuzapfen, ein Hormon, das angeblich ewige Jugend verleiht. Am Tag des ‚Great Awakening‘ werde Trump dann zum finalen Sturm blasen, sämtliche Missetäter wegsperren und die Kinder befreien. Dies hätte am 20. Januar 2021, dem Tag der 2. Inauguration Trumps als US-Präsident stattfinden sollen. Das Grossartige an QAnon: Alle können mitmachen. Einmal auf 4chan (mittlerweile 8chan) eingeloggt, können alle follower die angeblichen Erkenntnisse weiterspinnen und neue Beweise finden. Sogar mit Hilfe der Bibel. Und ist nicht die Corona-Pandemie ebenfalls eine Erfindung der Eliten?

Verschwörungserzählungen sind attraktiv!

Sie bedienen das Bedürfnis, Unerklärliches erklären zu können. Sie bieten eine zumindest narrative Sicherheit in unsicheren Situationen. Michael Butter bringt es auf den Punkt: Verschwörungserzählungen «machen ein Sinn- und Erklärungsangebot, erkennen Muster und Intentionen», lassen dem Zufall keine Chance, setzen stattdessen auf «Kohärenz und dunkle Absichten» und entfalten auf diese Weise eine normative Kraft. Dunkle Absichten werden demzufolge zumeist von sogenannten Eliten verfolgt, die ein undefinierbares Netz der Bosheit über die bewusst im Dunkeln gehaltene Menschheit gespannt hätten, um die Weltherrschaft zu erreichen. Und nur wenige, nämlich die Verschwörungsgläubigen selber, behaupten, die «Wahrheit», i.e. die angeblichen unsichtbaren Machenschaften erkannt zu haben. Auf diese Weise schaffen es Verschwörungsgläubige nicht nur, sich die Komplexität des Weltgeschehens weg zu erklären, sondern spüren ob ihrer «Erkenntnisse» vermeintliche Überlegenheit gegenüber den Schlafschafen genannten «Massen». 

Verschwörungsgläubige findet man in allen Schichten und Bildungsständen: Vom Obdachlosen bis zur Ärztin, von der Pfarrperson bis zum Staatsoberhaupt

Verschwörungsgläubige findet man in allen Schichten und Bildungsständen: Vom Obdachlosen bis zur Ärztin, von der Pfarrperson bis zum StaatsoberhauptVerschwörungsgläubige wie die Flat Earther sind mit dem, was sie glauben, zwar verschroben, aber nicht gefährlich. Anders sieht es mit den QANon-Leuten und den gerne Querdenker genannten Coronaleugner:innen aus. Wer glaubt, dass das Virus nicht existiere, sondern eine gezielt von den Eliten in die Welt gesetzte Lüge sei, gefährdet durch bewusst nicht eingehaltene Hygienemassnahmen sich und andere. Und wer die Coronaimpfung ablehnt, weil diese, mit einem Bill-Gates-Chip versehen, Menschen hörig mache, gefährdet sich selber und Mitmenschen, die sich aus medizinischen Gründen wie z.B. einer Organtransplantation nicht impfen lassen können.

Street Art: Bildnis von Keith Haring (Künstler/New York) an der Wand. © Vera Rüttimann

Die Endzeitreden Jesu und die Johannesoffenbarung

Verschwörungsgläubige berufen sich teilweise sogar auf die Bibel – ein sowohl skurriles als auch besorgniserregendes Phänomen, welches in diversen Onlineforen beobachtet werden kann. So müssen die Endzeitreden Jesu in den Evangelien wie auch die gute alte Johannesoffenbarung für die biblische Begründung der gegenwärtigen Pandemie beziehungsweise der Verleugnung derselben als endzeitliches Geschehen herhalten. Die Stürmung des Capitols in Washington DC wird gerne mit der Geschichte Jesu und den Tempelhändlern (z.B. Markus 11, 15-19) verknüpft, und der nun ehemalige U.S. Präsident Trump bekommt im Great Awakening (s.o.) je nach Laune die Rolle eines neuen Königs David oder des wiederkehrenden Christus zugewiesen.

Aber das Great Awakening fand nicht statt. Der Messias alias König David alias Donald verschwand zum Golf spielen in Florida. Quo Vadis QAnon?

Und was hat die Bibel damit zu tun? 

Ein missbräuchlicher Umgang mit der Schrift

Die Bibel erzählt mittels teilweise Jahrtausende alter, heterogen zusammengestellter und immer wieder editierter Texte das theologisch-spirituelle Ringen der damaligen Menschen mit komplexen, unsicheren Lebenssituationen. Die biblischen Texte sind literarische Produkte bestimmter Situationen an bestimmten Orten zu bestimmten Zeiten, auch Krisenzeiten.

Biblische Texte können und wollen daher nicht 1:1 auf unsere Zeiten übertragen werden. Es ist ein missbräuchlicher Umgang mit der Schrift, aus ihr heraus in Verknüpfung mit der Gegenwart Beweise für Verschwörungen finden zu wollen. Die Texte erzählen Glaubens-Geschichte. Und es ist die immer wiederkehrende Aufgabe jeder Generation, mit diesen Schriften vor ihren jeweiligen Glaubens- und Lebenshintergründen zu ringen und sie neu zu deuten.

Aber an Verschwörungsmythen ist nichts dran… 

König David ist nicht König Donald. Doch wie in einen Dialog mit denen treten, die daran glauben? Sie wohnen in unserer Nachbarschaft, sie sind Kolleginnen, sie sind Kirchgemeindemitglieder. Zuhören ist immer gut. Aber wie steht es um den Austausch objektiver Informationen und wissenschaftlicher Erkenntnisse? Ich höre schon die Argumente, es gäbe dann doch gar keine Unterschiede zwischen religiösen und anderen Geschichten. Warum dann nicht beispielsweise an Harry Potter glauben? Nun, deshalb nicht, weil J.K. Rowling ihre fiktiven Romanfiguren nicht religiös aufladen will. Die Harry Potter-Romane sind eben Romane und nicht religiöse Literatur. Sie sind fiktive Geschichten rund um fiktive Figuren. Sie wollen unterhalten und die kindliche Fantasie anregen. Nicht mehr und nicht weniger.

Der Kinderkerker ist einfacher zu beschreiben als die Wirkung eines mRNA-Impfstoffes.   

Falsch ist falsch. Doch dunklen Machenschaften von Akteuren mit vermeintlich übermenschlichen Kräften, die durch das Erkennen dieser Kräfte nur durch einige wenige vereitelt werden können, ist schwer das Wort zu reden. Denn man steht einer geschlossenen, komplexitätsreduzierten, dualistischen Gut-Böse-Weltsicht gegenüber und wird als «Schlafschaf» schlechtestenfalls aggressiv angegangen, bestenfalls bemitleidet. Der Kinderkerker ist einfacher zu beschreiben als die Wirkung eines mRNA-Impfstoffes.   

Fakten sind Fakten. 

Es bleibt nur das Ringen mit der komplexen Wirklichkeit und zumindest der Versuch, dem verschwörungsgläubigen Gegenüber zu vermitteln, dass man die Welt, in der wir leben, nicht simplifizierend in weiss und schwarz, in gut und böse einteilen kann und es «trotz (…) Unbehagen an einer unüberschaubaren Welt» kontraproduktiv ist, sich in Verschwörungsmythen zu flüchten, die sich mittelfristig als falsch heraus stellen werden. Denn Parallelwelten sind keine Welten.   

«Bielefeld gibt’s nicht»

Ich sass bereits wieder an meiner Examensarbeit als es klopfte. Herein kam mein Nachbar mit zwei Flaschen Bier. «Hallo Erdling», begrüsste ich ihn. «Ey, das war nur ein Witz mit der Bielefeld-Verschwörung», begann er und erzählte mir vom Gag des Studenten Achim Held, der die Behauptung «Bielefeld gibt’s nicht», ursprünglich ausgesprochen wegen der Sperrung durch eine Grossbaustelle an der Autobahnausfahrt Bielefeld-Zentrum, bei einer Party aufschnappte und aus Jux ins Netz stellte. Helds Idee war so erfolgreich, dass sie es in eine Episode der ZDF- Krimireihe Wilsberg schaffte. Wir beide lachten herzlich. «Verschwörungsmythen können schnell entstehen. Einfach so als Gag. Da müssen wir aufpassen. Egal. Sorry, Alter. Ein Bier auf den Schreck?» Mein Nachbar reichte mir die Flasche. «Entschuldigung angenommen. Aber da hast du Recht. Da muss man wirklich aufpassen», entgegnete ich. Wir stiessen an und ich nahm einen tiefen Schluck. «Hmmh, lecker, wie heisst denn das Bier?» fragte ich. «Corona», sagte er. «Prost! Auf die Zukunft!»

Haiko Behrens ist Synodalrat für Weltweite Kirche, Freiwilligenarbeit und Gender in der Reformierten Kirche im Kanton Solothurn und Pfarrer der Evang.-Ref. Kirchgemeinde Dornach-Gempen-Hochwald.

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