Diskurs  ·  Ehe  ·  Religion und Ethik  ·  Sexualität
Janina Maris Hofer

Die Ehe als Hüterin der Sexualität muss neu verhandelt werden

Seit der «Ehe für alle» ist mit Ehe nicht länger der lebenslange Bund von Mann und Frau (vor Gott) gemeint. Bei diversen Religionsgemeinschaften in der Schweiz erfordert dies ein Nachdenken und Argumentieren religiöser Vorstellungen von Monogamie. Die Ehe, als Konzept von Monogamie, hütet die Sexualität und bewahrt diese zwischen Mann und Frau. Die Herausforderung der gleichgeschlechtlichen Ehe ist dann besonders gross, wenn die religiösen Texte keine eindeutigen Argumente liefern. Dieser Artikel zeigt, wie die «Ehe für alle» den Diskurs über Sexualität aus religiöser Perspektive prägt und worüber man nicht spricht.

Am 26. September 2021 stimmten die Schweizer Stimmberechtigten über die «Ehe für alle» ab. Laut dem Portal der Schweizer Regierung lag die Stimmbeteiligung bei über fünfzig Prozent, und die Vorlage wurde mit 64,1 % schweizweit angenommen; kein Kanton lehnte die Vorlage ab und es wurden sogar kantonale Spitzenwerte von 74 % Ja-Stimmen erzielt. Offenbar ist man sich in der Schweiz einig über die Heirat von homosexuellen Paaren und das damit einhergehende Adoptionsrecht.

Ehe für alle – der dominante Diskurs in der Schweiz

Die öffentliche Debatte rund um die Abstimmung in der Schweiz hat das Verständnis von Ehe verändert oder sogar neu geformt. Dabei war es nicht die Schweiz als Ganzes, sondern viele verschiedene Menschen, die gemeinsam neu definiert haben, was Ehe bedeutet. Denn wie wir über etwas sprechen, beeinflusst, wie wir es verstehen – und damit auch, was es bedeutet. Der Philosoph Michel Foucault schrieb 1969, Diskurse seien nicht einfach nur Debatten über Meinungen, sondern würden die «Gegenstände» mitgestalten, über die gesprochen wird.

Der Ehe wird eine (neue) Bedeutung zugeschrieben, indem man sie mit Aussagen und Handlungen verknüpft. Dies sieht man zum Beispiel am Werbeslogan «Loveislove» der Marke CALIDA. Ganz nach dem Motto «Wahre Liebe ist frei, vielfältig und bedingungslos» zeigt die Kleidermarke unterschiedliche Arten der Liebe im berühmten Loebschaufenster in Bern. Das Schaufenster zeigt Paare aus der Schweiz, die die Emotionen und ihre Einstellung zur Liebe offenbaren.

Der Diskurs über die Ehe zeigt sich auch in den offiziell geregelten Abläufen rund ums Heiraten. So titelte SRF im April 2023: «In der Schweiz wird mehr geheiratet – weil es auch mehr dürfen» und illustrierte dies mit einem Bild von zwei sich küssenden Männern vor dem Zürcher Standesamt. Ich selbst traute mein erstes gleichgeschlechtliches Paar im Jahr 2022 – kurz nachdem die zivile Ehe für alle ermöglicht wurde.

Janina M. Hofer traut zwei Freunde im Jahr 2022. Bild: Autorin

Die Machtverhältnisse im Diskurs über die Ehe haben sich in der Schweiz zugunsten gleichgeschlechtlicher Paare verschoben. Foucault schrieb dazu in seinem Werk von 1978, dass jede Gesellschaft eine eigene «Politik der Wahrheit» hat: Manche Diskurse werden als wahr akzeptiert, während andere sanktioniert oder tabuisiert werden.

So wäre der heutige dominante Diskurs über die Ehe in den 90er-Jahren kaum denkbar gewesen – homosexuelle Handlungen waren bis 1992 im Schweizer Militärstrafgesetz noch strafbar. Wie bereits Rafaela Estermann in ihrem Artikel «Gott, Moral und Lust: Wie Religion und Sexualität verhandelt werden» schreibt, gibt es einen dominanten Diskurs über Sexualität. Wie dieser Artikel zeigen wird, gestalten Religionsgemeinschaften in der Schweiz diesen besonders stark über den Subdiskurs der Ehe mit. Sexualität und Ehe müssen gemeinsam verhandelt werden.

Diskurs-ABC: Wer spricht wo, wie und für wen?

Blicken wir zurück auf die Artikel der Student:innen der Universität Bern, lässt sich die Dominanz der heteronormativen Ehe gut ablesen. Zunächst muss aus der Diskursperspektive jedoch geklärt werden: Wer spricht wie und für wen? Anders als eine Abstimmung zur «Ehe für alle», eine Werbung im Schaufenster oder ein Gesetzestext, beziehen sich die Artikel der Student:innen auf Gespräche in einem halbprivaten Rahmen. Das bedeutet, die Diskurse sind mündlich und finden vorerst in einem privaten Rahmen statt. Die darauffolgenden Publikationen hier auf religion.ch sind jedoch bereits angekündigt. Der mündliche Austausch findet bei den Protagonist:innen im Kontext ihrer Religionsgemeinschaft statt: im Kloster, im Jugendraum der Gemeinde oder gar im Gebetsraum. Die Gesprächspartner:innen der Studierenden vertreten ihre Religionsgemeinschaft zwar als Einzelperson, haben jedoch eine (religiöse) Funktion inne: von der renommierten Ordensschwester bis zum progressiven Gemeindeleiter. Und die Publikationen auf religion.ch sind wiederum die Perspektiven der Student:innen auf diese Gespräche.

Die Publikationen auf religion.ch sind die Perspektiven der Student:innen auf diese Gespräche.

Unklar ist, inwieweit die Protagonist:innen die Reichweite und Leserschaft des Portals einschätzen können. Doch eines eint sie alle: Sie wollen den Text unbedingt vor der Veröffentlichung gegenlesen und sich ein Vetorecht vorbehalten. Das zeigt, wie schwer abschätzbar die öffentliche Wirkung des Gesagten für sie ist – und wie brisant der Diskurs wahrgenommen wird. Entsprechend bestehen auch alle Protagonist:innen auf ein Vorgespräch.

Auch die Rolle des Publikums spielt eine entscheidende Rolle für die Gesprächspartner:innen: Für wen werden die Aussagen gemacht? Viele sind es nicht gewohnt, sich vor einer breiten Öffentlichkeit zu äussern. Wie Rafaela Estermann in ihrem Artikel schreibt: «Heute wird der öffentliche Diskurs über Sexualität nicht mehr von religiösen Institutionen oder Autoritäten dominiert.» Um diese Verunsicherung bei den Vertreter:innen der jeweiligen Religionsgemeinschaft zu verringern, werden die in den Vorgesprächen geäusserten Wünsche berücksichtigt. Die Gespräche waren grundsätzlich offen gestaltet, sofern die Protagonist:innen sich in der Rolle wohl und kompetent fühlten.

Besonders aus den konservativen evangelikalen Kreisen lässt sich nur schwer ein:e Gesprächspartner:in finden: Niemand fühlt sich ausreichend kompetent, um mit Student:innen über Sexualität im Kontext von Religion zu sprechen. Diese Tatsache ist überraschend. Gibt man nämlich bei der evangelischen Buchhandlung «Sex» als Schlagwort ein, erscheinen 241 Suchergebnisse. Sexualität wird in evangelikalen Kirchen diskutiert und verhandelt. Eines dieser Suchergebnisse ist das Buch «Sexualität» von Paul Bruderer, einem unserer Gesprächspartner:innen. Er stellt sich darin den Fragen: Darf man nur in der Ehe Sex haben? Was denkt Gott über Selbstbefriedigung? Und wie gehe ich als Single mit meiner Sexualität um? In evangelikalen Kreisen werden im religiösen Kontext offensichtlich pointierte Fragen rund um Sexualität gestellt.

Student:innen der Universität Bern unterwegs durch die ganze Schweiz. Bild: Autorin

Heteronormative Ehe und Sexualität

Ein Blick auf die Gespräche mit Paul Bruderer, Sr. Ingrid Grave, Kerem Adıgüzel, Ari Lee und Eliane Bollag zeigt, wie stark die heteronormative Ehe dominiert. Paul Bruderer, Pastor der Chrischona-Gemeinde in Frauenfeld, vergleicht Homosexualität mit Sex vor der (heterosexuellen) Ehe: Beides sei aus seiner Sicht als evangelikaler Theologe ein Verstoss gegen biblische sexualethische Werte. Solche Verstösse, so Bruderer, führen zu Spannungen in der Gemeinde. Die Begründung für die heterosexuelle Ehe sowie die damit verbundene Sexualität basiert für ihn allein auf der Bibelexegese.

Bei der Dominikanerin Sr. Ingrid Grave aus dem Kloster Ilanz ist es der zölibatäre Gegenentwurf zur Ehe: Ein freiwillig gewähltes Zölibat beinhaltet sexuelle Enthaltsamkeit, hat aber nichts mit einer «Ehe mit Gott» zu tun. Vielmehr sieht sie in ihrer Entscheidung zur Ehelosigkeit eine Freiheit, um ihre Theologie und Spiritualität entfalten zu können.

Kloster Ilanz: Begegnungsort mit Sr. Ingrid Grave. Bild: Autorin

Kerem Adıgüzel, Mitgründer des Vereins Al-Rahman, leitet regelmässig Treffen, an denen unterschiedliche Themen kontrovers diskutiert werden. Der Verein setzt sich für einen «aufklärerischen Islam» ein und ist ein Ort, an dem auch Frauen vorbeten dürfen. Im Gespräch zitiert Kerem immer wieder aus dem Koran und interpretiert die Verse für die Anwesenden. So deutet er die Aussage: «Geht zu eurem Acker, wie ihr wollt» nicht als einseitige Bestimmung durch den Mann, sondern als Ausdruck von Freiheit bei der Wahl der Position während des Geschlechtsverkehrs – immer unter der Voraussetzung des gegenseitigen Einvernehmens. Während die gleichgeschlechtliche Ehe oft mit dem Verweis auf den Koran ausgeschlossen wird, wird sie im Verein Al-Rahman offen, wenn auch kontrovers, diskutiert.

Eliane Bollag, Lehrerin der jüdischen Reinheitsgesetze, machte im Vorgespräch deutlich, sie möchte kein Gespräch zur Homosexualität führen. Dieses Thema sei zwar aktuell oft gefragt, aber ihrer Meinung nach bringe uns dies nicht weiter. Lieber spricht sie mit der Gruppe von Student:innen über die Sexualität von Mann und Frau innerhalb der Ehe. Dabei spielt das Tauchbad (Mikwa) eine zentrale Rolle, denn die Zeit der Enthaltsamkeit davor und die oft praktizierte Date-Night danach könne eine Ehe erneuern.

Ari Lee, Vikarin der offenen Kirche Elisabethen in Basel, setzt zu guter Letzt einen Kontrapunkt zu den vorangehenden Gesprächspartner:innen. Sie hat eine Konversionstherapie in einer Mennoniten-Gemeinde durchlaufen, war mit einer Transfrau verheiratet und beschäftigt sich aktuell mit ihrer jüdischen Identität. Für sie muss die Kirche ein «Safe Space» für alle Menschen sein. Entsprechend müsse sich auch die Sprache der Kirche anpassen, damit alle darin Platz finden. Sie bleibt bewusst in der Kirche, um das Feld nicht jenen zu überlassen, die sie kritisieren.

Mindestens vier der fünf geführten Gespräche über Religion und Sexualität drehten sich zu einem Grossteil um die heterosexuelle Ehe: Was ist erlaubt? Was ist geboten? Wie interpretieren wir die religiösen Texte zur Sexualität? Welche sexuellen Praktiken sind verboten? Unsere Gesprächspartner:innen bezogen unaufgefordert Stellung dazu – ganz wie es ein gesellschaftlich dominanter Diskurs zur «Ehe für alle» verlangt. Weder die Abstimmung noch der stehende Begriff «Ehe für alle» wurden explizit erwähnt, und doch war die homosexuelle Ehe omnipräsent.

Student:innen der Universität Bern mit Eliane Bollag in Zürich. Bild: Autorin

Worüber wird gesprochen – und worüber nicht?

Offenbar müssen wir uns momentan in der Schweiz zur gleichgeschlechtlichen Ehe äussern: gewollt oder unfreiwillig. Der einzige Ausweg scheint der kategorische Ausschluss dieses Themas im Vorfeld: Eliane Bollag sprach ausschliesslich über Sexualität innerhalb der heterosexuellen Ehe. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass fast drei Millionen Einwohner:innen gar nicht abstimmen können und sich weitere zwei Millionen bei der Abstimmung zur «Ehe für alle» nicht äusserten. Eine Million der Stimmbürger:innen lehnte die Vorlage ab. Diese sechs Millionen Menschen müssen sich nun in irgendeiner Weise zum dominanten Diskurs über Homosexualität verhalten. Über die gleichgeschlechtliche Ehe wird in der Schweiz gesprochen – ob freiwillig oder nicht.

Doch welche Themen rund um Sexualität blieben in den Gesprächen unausgesprochen? Was wurde tabuisiert? Die Frage, ob Sexualität auch als reines Vergnügen, unabhängig von Fortpflanzung verstanden werden darf, wurde nicht thematisiert. Vielleicht, weil die Antwort zu eindeutig wäre – oder weil sie neue Kontroversen eröffnen würde, die man im Rahmen eines Studierendenbesuchs lieber vermeidet.

Die Frage, ob Sexualität auch als reines Vergnügen verstanden werden darf, wurde nicht thematisiert.

Ähnlich verhält es sich mit der Autoerotik: Sie wurde am Rande erwähnt, doch diese Wortfetzen blieben unausgeführt und in der Luft hängen. Obwohl alle die Einvernehmlichkeit von sexuellen Handlungen voraussetzen, wurden Macht und Gewalt im Zusammenhang mit Sexualität kaum angesprochen. Am ehesten äusserte sich Ari Lee dazu, als sie ihre Erfahrungen mit der Konversionstherapie teilte. Niemals aber wurde von gewaltvollen sexuellen Handlungen gesprochen.

Stattdessen wurde Sexualität als mögliche Quelle von Spiritualität oder als Mittel zur Erneuerung einer Ehe beschrieben. Themen wie wechselnde Sexualpartner:innen, Verhütung, Abtreibung, sexuelle Gesundheit oder bezahlte Sexarbeit blieben völlig aussen vor. Im Kontext dieser Gesprächsrunden schienen sie jenseits dessen zu liegen, worüber gesprochen werden kann. Offenbar gibt es dazu keinen dominanten Diskurs, zu dem man sich positionieren könnte oder müsste.

Man spricht über das, was man kennt und was nicht schmerzt

Die Studie «Gesundheit und Sexualität in Deutschland» aus dem Jahr 2022 ist die erste bundesweite, repräsentative Untersuchung dieser Art. Eine vergleichbare Studie für die Schweiz gibt es leider (noch) nicht. Dennoch können die Ergebnisse als Orientierungspunkte herangezogen werden. Erfasst wurden Daten zur sexuellen Identität, Beziehungen, sexuellem Verhalten und sexueller Gesundheit.

Bemerkenswert ist, dass sich viele Ergebnisse dieser Studie mit den Tabus in unseren Gesprächen überschneiden: Die Befragten lehnten Promiskuität (61 %) und ausserehelichen Sex (81 %) eher ab, befürworteten aber gleichgeschlechtliche sexuelle Aktivitäten (63-70 %). Weniger Akzeptanz gegenüber sexuellen Identitäten und Verhaltensweisen zeigte sich vor allem bei Menschen mit häufiger religiöser Praxis (unabhängig von der der Religion), Migrationshintergrund (1. Generation) oder muslimischem Glauben.

Man spricht über das, was man kennt.

Man spricht über das, was man kennt. Was ausserhalb der eigenen Erfahrung liegt, gerät oft gar nicht erst ins Blickfeld oder wird verschwiegen. Themen, die mit Schmerz oder Leiden verbunden sind – wie sexuelle Gewalt oder Funktionsstörungen – sind vermutlich aus anderen Gründen (zusätzlich) tabuisiert.

Als Fazit zur konstruierten Sexualität und ihren Tabus bleiben offene Fragen zum Sinnieren: Worüber sollten wir als Gesellschaft in Bezug auf Sexualität sprechen? Welche Diskurse sollten dabei von Religionsgemeinschaften, Schulen, Mediziner:innen, Medien und der Wissenschaft aufgegriffen werden? Worüber möchten Sie lieber nicht sprechen?


Weitere Artikel

Autor:in

  • Janina Maris Hofer

    Janina M. Hofer hat einen interdisziplinären Masterabschluss in Interreligiösen Studien der Theologischen Fakultät Bern und promovierte in Religionswissenschaft. Ihre Dissertation «Sprache der Transzendenzerfahrungen» veröffentlichte sie 2018 und 2019 publizierte sie im Sammelband «Esoteric Lacan». Ihre Forschungsinteressen gelten religiösen Erfahrungen, Sexualität und Sprache. Sie arbeitet am Gymnasium als Schulleiterin und unterrichtet Religionslehre sowie Philosophie.

    Zeige alle Beiträge