Wie wird in der Schweiz über Sexualität gesprochen – und welche Rolle spielen religiöse Traditionen dabei? Während gesellschaftliche Vorstellungen von Sexualität stetigem Wandel unterliegen, müssen sich auch Religionsgemeinschaften dazu positionieren. Manche passen sich an, andere grenzen sich ab – doch kein:e Akteur:in kann sich dem öffentlichen Diskurs entziehen. Dieser Artikel zeigt, wie Macht, Normen und Aushandlungsprozesse bestimmen, was als selbstverständlich gilt – und warum sich diese Debatten ständig verändern.
Ob in Schulen, Medien oder am Esstisch – überall wird über Sexualität gesprochen. Was aber als normal gilt, was tabu ist und was als selbstverständlich vorausgesetzt wird, ist nicht einfach gegeben. Es sind gesellschaftliche Aushandlungsprozesse, die bestimmen, welche Vorstellungen von Sexualität sich durchsetzen. Diese Debatten sind nie neutral: Sie spiegeln Machtverhältnisse wider, formen Normen und beeinflussen, wie Menschen über sich und ihre Körper denken.
Was ist ein Diskurs?
Ein Diskurs ist eine öffentliche Debatte über ein Thema, bei der verschiedene Akteur:innen mit unterschiedlichen Interessen darum ringen, welche Sichtweise sich durchsetzt. Dabei geht es nicht nur um Meinungen, sondern um die Frage, welches Wissen als allgemeingültig gilt und zur gesellschaftlichen Norm wird.
Wer bestimmt, was als gültig angesehen wird? Vor allem mächtige Akteur:innen wie Politiker:innen, Medien und Bildungseinrichtungen. Sie haben den grössten Einfluss darauf, welche Perspektiven als legitim wahrgenommen werden. Gleichzeitig formt dieses etablierte Wissen wiederum die Gesellschaft: Es legt fest, was als akzeptables Verhalten gilt und welche Handlungsoptionen als «normal» betrachtet werden.
Ein Beispiel für diesen Aushandlungsprozess zeigt sich in der Debatte um die Sexualaufklärung in Schweizer Schulen. In manchen Kantonen wurden sogenannte «Sexualpädagogik-Koffer» eingeführt, die Materialien für den Unterricht enthielten – darunter auch eine Vulva aus Plüsch. Das Ziel war, Kinder frühzeitig mit einer sachlichen und unaufgeregten Sprache an das Thema Körper und Sexualität heranzuführen. Doch das Vorhaben stiess auf heftigen Widerstand: Kritiker:innen – darunter konservative Politiker:innen und besorgte Eltern – befürchteten, dass solche Inhalte Kinder überfordern und ihre «Unschuld» gefährden könnten. Medien griffen die Debatte auf und machten sie zu einem gesellschaftlichen Streitpunkt. Während Fachstellen und Bildungsinstitutionen das Recht der Kinder auf altersgerechte Sexualaufklärung betonten, sahen andere Akteur:innen darin eine ideologische Beeinflussung und forderten stärkere Einschränkungen.
Ein Diskurs wird nicht nur durch Argumente geformt, sondern auch verfestigt durch Gesetze, Lehrpläne und gesellschaftliche Normen.
Ein Diskurs wird nicht nur durch Argumente geformt, sondern auch durch Gesetze, Lehrpläne und gesellschaftliche Normen verfestigt. Sobald ein Thema in Schulbüchern, Gesetzen und offiziellen Dokumenten verankert ist, etabliert sich ein bestimmter Deutungsrahmen. Das bedeutet, dass die dominante Weise, in der bestimmte Ereignisse, Begriffe oder soziale Phänomene interpretiert und mit Bedeutung versehen werden, festgeschrieben wird. Wer beispielsweise den Lehrplan 21 betrachtet, sieht, dass darin Sexualität mit Werten wie Partnerschaft, Liebe, Respekt und Gleichberechtigung verbunden wird. Diese Vorgaben sind nicht neutral – sie sind das Ergebnis gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse, die ständig neu verhandelt werden.
Wie wird ein Diskurs dominant?
Ein Diskurs wird dominant, wenn ihn eine Mehrheit der gesellschaftlichen Akteur:innen übernimmt und als gültig anerkennt. Dies geschieht oft, weil mächtige Institutionen – wie Medien, Bildungseinrichtungen und politische Systeme – ihn verbreiten und stützen. Doch warum setzen sich manche Diskurse durch, während andere an den Rand gedrängt werden?
Ein wichtiger Faktor ist, dass ein Diskurs erfolgreicher ist, wenn er an bestehende Werte und Überzeugungen anknüpfen kann. Je vertrauter seine Grundprinzipien klingen, desto eher wird er akzeptiert. Ein Beispiel: Der aktuelle Diskurs über Sexualität in der Schweiz betont Freiwilligkeit und Einvernehmlichkeit. Diese Werte sind tief in den Menschenrechten und modernen ethischen Vorstellungen verankert – deshalb stossen sie auf breite Zustimmung. Die Verbindung zu wissenschaftlichen Erkenntnissen aus Biologie und Psychologie gibt dem Diskurs zusätzlich Legitimität, denn er greift auf Prinzipien der Aufklärung zurück, die allgemein als positiv gelten.
Je vertrauter seine Grundprinzipien klingen, desto eher wird er akzeptiert.
Ein weiterer entscheidender Punkt ist die Unterstützung durch mächtige Akteur:innen. Sie haben die Plattformen und Ressourcen, um einen Diskurs weit zu verbreiten. Medien, politische Entscheidungsträger:innen und das Bildungssystem spielen dabei eine Schlüsselrolle. Die Verbindung eines Themas mit bereits etablierten, positiv besetzten Werten hilft ihnen, ihre eigene Position zu stärken.
Diskurse sind dynamisch: Sie beeinflussen und verstärken sich gegenseitig. Einerseits brauchen sie mächtige Unterstützer:innen, um dominant zu werden. Andererseits gewinnen diese Akteur:innen selbst an Einfluss, wenn sie einen erfolgreichen Diskurs vertreten. Das funktioniert wie ein Puzzle – jedes Teil passt ins andere, weil ein dominanter Diskurs immer eine Reaktion erfordert. Entweder wird er übernommen oder es muss sich zu ihm positioniert werden.
Der dominante Diskurs über Sexualität in der Schweiz
In diesem Abschnitt geht es darum, wie in der Schweiz heute mehrheitlich über Sexualität gesprochen wird. Ich nehme dabei keine Wertung vor, sondern beschreibe, welche Vorstellungen und Normen innerhalb dieses Diskurses als selbstverständlich gelten. Dass ein Diskurs dominant ist, bedeutet nicht, dass es keine Gegenstimmen gibt – wie im Beispiel der Sexualpädagogik-Koffer zu sehen war. Es bedeutet vielmehr, dass alle Akteur:innen gezwungen sind, sich zu diesem Diskurs zu verhalten und eine Position dazu einzunehmen.
Der dominante Diskurs über Sexualität in der Schweiz orientiert sich stark an biologischen, psychologischen und menschenrechtlichen Prinzipien. Sexualität wird als grundlegendes Bedürfnis verstanden, das untrennbar mit Freiwilligkeit und Einvernehmlichkeit verbunden ist. Die Sex-Positivity-Bewegung, die eine offene und positive Haltung gegenüber unterschiedlichen sexuellen Vorlieben und Praktiken fördert, hat an Bedeutung gewonnen. Masturbation gilt als gesund und normal, Pornografie wird zunehmend auch als Kunstform diskutiert, und Verhütung sowie Abtreibung werden als Ausdruck von Selbstbestimmung betrachtet.
Sex-Positivität bedeutet in diesem Kontext, dass Sexualität als etwas Natürliches und grundsätzlich Gutes gesehen wird. Unterschiedliche sexuelle Orientierungen – von hetero- über homo- bis asexuell – werden als Teil eines Spektrums betrachtet. Die Idee, dass Sexualität kontrolliert oder eingeschränkt werden müsse, wird abgelehnt. Stattdessen geht es darum, alte Normen zu hinterfragen und Prüderie zu überwinden. Jungfräulichkeit hat in diesem Diskurs kaum noch Bedeutung und Sex vor der Ehe gilt als selbstverständlich.

Diskurse entstehen in der Gesellschaft. Bild: IRAS COTIS Generalversammlung 2019
Auch Masturbation wird nicht nur akzeptiert, sondern als gesundheitsfördernd angesehen und aktiv beworben. Beim Thema Pornografie gibt es zwar weiterhin kontroverse Debatten, doch in den letzten Jahren sind verstärkt Initiativen entstanden, die explizit feministische Pornografie fördern oder Pornografie als Kunstform neu definieren wollen. Für Männer spielt dabei die Diskussion über den Einfluss von Pornografie auf das männliche Rollenbild eine wichtige Rolle. Während Frauen in diesem Diskurs oft über die Frage der Selbstbestimmung sprechen, wird für Männer vermehrt diskutiert, wie Pornografie Männlichkeitsbilder prägt und welchen Einfluss sie auf das Verhalten und die Sexualerwartungen von jungen Männern hat. Gleichzeitig werden auch toxische Vorstellungen von Männlichkeit hinterfragt – etwa die Idee, dass Männer immer Lust auf Sex haben sollten oder dass männliche Potenz mit Dominanz gleichgesetzt wird.
Ein zentrales Element dieses Diskurses ist die Sexualaufklärung. Sie wird nicht nur als notwendig angesehen, sondern als essenziell für ein selbstbestimmtes Leben. Und dabei geht es nicht nur darum, über Sexualität aufzuklären, sondern auch darum, sie auf eine bestimmte Weise zu verstehen – nämlich entlang der zuvor geschilderten Vorstellungen. Ein wichtiger Bestandteil davon ist die Aufklärung über Verhütung und Safer Sex. Dabei wurde Verhütung lange als ein Thema betrachtet, das primär Frauen betrifft, weil hormonelle Methoden wie die Pille oder Spirale auf weibliche Körper zugeschnitten sind. In den letzten Jahren wird jedoch zunehmend auch über männliche Verhütung gesprochen, etwa in Form von hormonellen Verhütungsmethoden für Männer oder durch den gesellschaftlichen Wandel, der Vasektomien als legitime Verhütungsmethode normalisiert. Dennoch bleibt die Verantwortung für Verhütung in der Praxis häufig bei Frauen.
Dennoch bleibt die Verantwortung für Verhütung in der Praxis häufig bei Frauen.
Parallel dazu gibt es innerhalb dieses Diskurses in den letzten Jahren eine Rückbesinnung auf Natürlichkeit: Verhütung soll möglichst wenig in den Körper eingreifen, und hormonelle Methoden stehen vermehrt in der Kritik, weil sie den „natürlichen“ Zyklus der Frau verändern. Diese Entwicklung betrifft auch Männer, da mit steigender Kritik an hormoneller Verhütung vermehrt alternative Lösungen gefordert werden, die auch Männer stärker in die Verantwortung nehmen.
Auch Abtreibung wird in diesem Diskurs als Teil der weiblichen Selbstbestimmung betrachtet. Sie ist eng mit dem Recht auf den eigenen Körper verbunden – ausgedrückt in Slogans wie My body, my choice. In diesen Zusammenhang gehört auch die zunehmende Enttabuisierung der Menstruation. Während Menstruationsblut lange als etwas Ekliges oder Schmutziges galt, wird es heute als natürlich und sogar positiv dargestellt. Gleichzeitig gibt es auch eine wachsende Diskussion über die Rolle von Männern bei ungewollten Schwangerschaften: Während Frauen über die Entscheidungshoheit bei Abtreibungen verfügen, wird teilweise diskutiert, ob Männer mehr Mitspracherecht haben sollten oder ob eine stärkere gesellschaftliche Verantwortung für gemeinsame Entscheidungen notwendig ist.
Ein weiterer Aspekt dieses Diskurses betrifft die Wahrnehmung von Männlichkeit und Sexualität insgesamt. Während weibliche Sexualität lange stark reguliert wurde, wurden männliche Sexualität und männlicher Sexualtrieb traditionell als „natürlich“ und oft unkontrollierbar dargestellt. Heute gibt es jedoch zunehmend eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Bildern: Die Vorstellung, dass Männer immer Lust auf Sex haben sollten oder dass sexuelles Verlangen für Männer eine biologische Notwendigkeit sei, wird hinterfragt. Gleichzeitig rückt auch die emotionale Dimension männlicher Sexualität stärker in den Fokus – etwa in Debatten über Consent, emotionale Intimität oder die psychologischen Auswirkungen von Leistungsdruck und Potenzproblemen.
Die emotionale Dimension männlicher Sexualität rückt stärker in den Fokus
Schliesslich zeigt sich die Veränderung des Diskurses auch in der Betrachtung von Prostitution bzw. Sexarbeit. Während Sexarbeit früher stärker als Ausdruck weiblicher Ausbeutung diskutiert wurde, wird sie zunehmend als legitime Erwerbsarbeit betrachtet – mit Fokus auf die Rechte und Arbeitsbedingungen von Sexarbeitenden. Dabei wird auch verstärkt über die Rolle männlicher Konsumenten diskutiert, insbesondere im Zusammenhang mit der Frage, welche Verantwortung Männer als Kunden haben und inwiefern sich gesellschaftliche Erwartungen an Sexualität und Männlichkeit darin widerspiegeln.
Einfluss des dominanten Diskurses auf Religionsgemeinschaften
Je nach Umfrage geben in der Schweiz rund 30 % der Menschen an, keiner Religion anzugehören oder nicht religiös zu sein. Laut Bundesamt für Statistik waren 2021 etwa 33 % der Bevölkerung römisch-katholisch und 21 % reformiert. Weitere 6 % gehörten dem Islam an. Diese Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu betrachten, da viele der erfassten Christ:innen und Muslim:innen möglicherweise religionsfern sind und kaum aktive religiöse Praxis zeigen. Umgekehrt gibt es unter den nicht-religiösen oder konfessionslosen Personen zahlreiche Menschen, die sich spirituell, gläubig oder anderweitig weltanschaulich verorten.
Heute wird der öffentliche Diskurs über Sexualität nicht mehr von religiösen Institutionen oder Autoritäten dominiert. Religiöse Akteur:innen haben nur noch innerhalb ihrer eigenen Milieus und Gemeinschaften Einfluss. In den Medien und der öffentlichen Debatte spielt eine explizit religiöse Argumentation meist keine Rolle. Stattdessen werden Sexualitätsthemen in erster Linie aus biologischer, psychologischer oder menschenrechtlicher Perspektive betrachtet. Diese nicht-religiösen Diskurse haben eine stärkere öffentliche Präsenz und damit auch eine grössere gesellschaftliche Wirkkraft.
Entsprechend können Religionsgemeinschaften diesen Diskurs nicht ignorieren. Der dominante Diskurs zwingt alle Akteur:innen – auch religiöse –, sich dazu zu positionieren. Manche übernehmen bestimmte Elemente des Diskurses und interpretieren sie aus ihrer Perspektive neu. Andere lehnen ihn bewusst ab und grenzen sich davon ab. In beiden Fällen zeigt sich: Kein:e Akteur:in kann sich dem gesellschaftlichen Deutungsrahmen völlig entziehen.
Anpassung und Abgrenzung
Die Kirchen, insbesondere die katholische Kirche als Institution, werden im Diskurs über Sexualität oft negativ wahrgenommen: Begriffe wie Missbrauch, Zölibat, Scham, Tabu, Zwang und Macht werden mit ihr assoziiert. Diese Wahrnehmung ist nicht unbegründet, wie unter anderem der am 12. September 2023 veröffentlichte Bericht zur Geschichte des sexuellen Missbrauchs in der Schweiz zeigt.
Dass solche Untersuchungen überhaupt durchgeführt werden, zeigt, dass die katholische Kirche auf den gesellschaftlichen Diskurs über Sexualität reagieren muss. Sie hat lange mit Begriffen wie Scham über Sexualität kommuniziert – oder eben nicht kommuniziert. Doch der Druck von allen Seiten ist gross, ebenso wie die innere Zerrissenheit. Diese zeigt sich daran, dass verschiedene Vertreter:innen ganz unterschiedlich zum Thema Stellung beziehen. Und die Art und Weise, wie sie dies tun, hängt stark davon ab, dass sie sich auf einen dominanten Diskurs beziehen müssen – sei es durch Anpassung oder Abgrenzung.
Der Druck von allen Seiten ist gross, ebenso wie die innere Zerrissenheit.
Diese Dynamik zeigt sich auch auf globaler Ebene. Wenn Papst Franziskus sagt: „Die Sexualität, der Sex, ist ein Geschenk Gottes. Kein Tabu“, dann ist das eine Antwort auf einen bestehenden Diskurs, in dem Sexualität als natürlicher Teil des Lebens betrachtet wird.
Warum braucht es eine solche Aussage? Im aktuellen gesellschaftlichen Diskurs gilt Sexualität als etwas Natürliches. Was natürlich ist, wird als normal betrachtet. Über Normales kann gesprochen werden. Zudem wird offenes Sprechen über Sexualität als Voraussetzung für ein gesundes Sexualleben verstanden. Eine Tabuisierung wird daher als problematisch angesehen. Die Antwort der katholischen Kirche auf diesen Diskurs muss sich mit den zentralen Motiven der Natürlichkeit und Tabuisierung auseinandersetzen. In einer theologischen Rahmung wird das „Natürliche“ oft in den Ursprung bei Gott übersetzt. Was aus Gott stammt, wird als gut verstanden, also als ein Geschenk Gottes. Die Aussage des Papstes greift diese Logik auf: Indem er Sexualität als göttliches Geschenk bezeichnet, übernimmt er das positive Motiv der Natürlichkeit aus dem gesellschaftlichen Diskurs, übersetzt es aber in eine theologische Sprache. Gleichzeitig wird mit „Kein Tabu“ die kirchliche Vergangenheit der Tabuisierung zurückgewiesen.
Solche Reaktionen auf dominante Diskurse sind kein Einzelfall. Diskurse funktionieren immer nach dem Prinzip von Aktion und Reaktion. Die zentralen Motive greifen ineinander wie Puzzlestücke: Ein Diskurs setzt sich durch, wenn er entweder übernommen oder explizit zurückgewiesen wird. In beiden Fällen bestimmt er die Art der Auseinandersetzung.
Christliche Akteur:innen in der Schweiz im Diskurs über Sexualität
Der christliche Diskurs über Sexualität in der Schweiz ist stark fragmentiert. Unterschiedliche Akteur:innen vertreten teils gegensätzliche Positionen und ringen um Deutungshoheit. Während einige Sexualität als Ausdruck individueller Selbstbestimmung verstehen und sich für eine Neubewertung kirchlicher Normen einsetzen, betrachten andere diese Entwicklung als Abkehr von grundlegenden Werten und lehnen Veränderungen ab.
Die Säkularisierung verstärkt diese Dynamik zusätzlich. Viele kirchenferne oder liberal eingestellte Personen verlassen die Institutionen, während innerhalb der Kirchen ein höherer Anteil an traditionsbewussten Mitgliedern verbleibt. Das führt dazu, dass innerkirchliche Debatten oft kontroverser sind als der gesellschaftliche Gesamtdiskurs vermuten lässt.
Zudem unterscheiden sich die Strukturen der beiden grossen Konfessionen in der Schweiz stark. Die reformierten Kirchen sind föderal organisiert, und ihre theologischen Positionen können je nach Kanton variieren. Die katholische Kirche hingegen ist hierarchisch strukturiert und weltweit mit Rom verbunden. Dennoch gibt es innerhalb beider Konfessionen eine Vielzahl unterschiedlicher Strömungen. Innerhalb dieser Spannungsfelder lassen sich verschiedene Positionen und Bewegungen erkennen.
1. Kirchliche Institutionen: Spannung zwischen Amtskirche und Basis
Die offizielle Haltung der Kirchen zu Sexualität spiegelt oft nicht das wider, was auf Gemeindeebene tatsächlich gelebt wird. Während Bischöfe und vatikanische Würdenträger immer wieder lehramtliche Positionen bekräftigen, gestaltet sich der Umgang mit Sexualität in den Pfarreien und Kirchgemeinden oft pragmatischer. Viele Seelsorger:innen und kirchliche Mitarbeitende handeln in ihrem Alltag entgegen offizieller Lehrmeinungen oder setzen Reformanliegen bereits um. Ein Beispiel ist die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare: Während der Vatikan lange darauf bestand, dass solche Segnungen nicht möglich seien, finden sie in vielen katholischen Pfarreien bereits statt – oft unter dem Radar oder bewusst als Akt des Widerstands.
Während einige Bischöfe vorsichtige Reformen befürworten, halten andere an traditionellen Lehren fest.
Diese Diskrepanz zeigt sich besonders deutlich in der katholischen Kirche: Papst Franziskus hat in den letzten Jahren mehrfach widersprüchliche Signale gesendet. Einerseits betont er, dass alle Menschen – „alle, alle, alle“ – in der Kirche willkommen sind, andererseits verwendet er Begriffe wie „Schwuchtelei“ in Bezug auf homosexuelle Priester, für die er sich später entschuldigte. Solche Spannungen gibt es aber nicht nur auf oberster Ebene, sondern auch innerhalb der nationalen Bischofskonferenzen und zwischen Pfarrgemeinden. Während einige Bischöfe vorsichtige Reformen befürworten, halten andere strikt an traditionellen Lehren fest.
Für viele Katholik:innen spielt es zudem kaum eine Rolle, was der Papst oder Bischöfe sagen. Die persönliche Glaubenspraxis ist für sie wichtiger als lehramtliche Vorgaben. Andere wiederum messen päpstlichen Aussagen grosse Bedeutung bei und orientieren sich stark an Rom. Diese Differenz zwischen Amtskirche und Basis verstärkt die Fragmentierung innerhalb der Kirche: Während einige Pfarreien aktiv Reformanliegen umsetzen, lehnen andere jede Form von Veränderung ab.
2. Reformorientierte Akteur:innen: Für eine theologische Neubewertung
Einige Gruppen innerhalb der Kirchen setzen sich für eine stärkere Öffnung in der Sexualmoral ein. Die „Regenbogenkirche“, der Verein „Adamim“ (eine Organisation schwuler Seelsorger), die „Arbeitsgemeinschaft Regenbogenpastoral“ und die Junia-Initiative treten für eine umfassende Gleichstellung von Frauen und queeren Menschen in der Kirche ein. Die Allianz Gleichwürdig Katholisch hat eine Liste katholischer Seelsorger:innen veröffentlicht, die bereit sind, alle Paare zu segnen – unabhängig von ihrem Geschlecht oder ihrem Familienstand.
Auch feministische und befreiungstheologische Strömungen prägen diesen Diskurs. Die feministische Theologie hinterfragt patriarchale Machtstrukturen und plädiert für eine stärkere Berücksichtigung weiblicher Erfahrungen in der kirchlichen Lehre. Die Befreiungstheologie argumentiert, dass die Kirche sich an der Seite derjenigen positionieren muss, die gesellschaftlich marginalisiert werden – darunter auch queere Menschen und Frauen, die vom vollen Zugang zu kirchlichen Ämtern ausgeschlossen sind.
Die feministische Theologie hinterfragt patriarchale Machtstrukturen
Einflussreich ist auch der Schweizerische Katholische Frauenbund (SKF), der sich für die Gleichstellung der Geschlechter in der Kirche und die Rechte von Frauen in Gesellschaft, Kirche, Wirtschaft und Politik einsetzt. Mit rund 100’000 Mitgliedern ist der SKF eine der grössten konfessionellen Frauenorganisationen in der Schweiz.
Auch Bewegungen wie Maria 2.0 kämpfen für eine kirchliche Erneuerung und fordern u. a. das Frauenpriestertum und die vollständige Gleichstellung aller Gläubigen.
3. Bewahrung traditioneller Werte
Demgegenüber stehen Akteur:innen, die sich an überlieferten Vorstellungen von Ehe und Sexualität orientieren. Netzwerke wie die „Vereinigung Evangelischer Freikirchen“, katholische Laienbewegungen oder einzelne Bischöfe betonen die Unveränderlichkeit kirchlicher Lehren. Sie kritisieren eine zunehmende Relativierung von Sexualethik und warnen vor einer Anpassung an gesellschaftliche Strömungen.
Ein Beispiel für diesen konservativen Widerstand ist die Initiative Maria 1.0, die sich explizit gegen die Reformforderungen von Maria 2.0 stellt. Die Anhänger:innen dieser Bewegung argumentieren, dass die Mutter Jesu keiner „aktualisierten“ Version bedarf und dass die katholische Lehre unverändert bleiben müsse.
Ein weiteres Beispiel ist der „Marsch fürs Läbe“, eine stark konservative Bewegung, die sich gegen Abtreibung positioniert. Sie argumentiert, dass Abtreibung als „normale Lösung“ propagiert werde, während Frauen nicht ausreichend über die angeblichen langfristigen Folgen informiert seien. Die Bewegung sieht sich als Stimme für das „ungeborene Leben“ und betrachtet die gesellschaftliche Akzeptanz von Schwangerschaftsabbrüchen als moralischen Verfall. Der „Marsch fürs Läbe“ erhält Unterstützung von christlich-konservativen Kreisen und findet besonders in freikirchlichen und katholisch-traditionellen Milieus Anklang.
4. Zwischenräume: Orte des Austauschs für queere Christ:innen
Während sich einige Gruppen für strukturelle Veränderungen innerhalb der Kirchen einsetzen, suchen andere nach alternativen Räumen für queere und marginalisierte Gläubige. Der Verein „Zwischenraum“ bietet LGBTQ+-Personen mit christlichem Hintergrund eine Plattform, um über ihre Erfahrungen zu sprechen und sich über Glaubensfragen auszutauschen. Der Verein möchte einen Raum frei von Vorurteilen und spirituellem Missbrauch schaffen, in dem Menschen nicht zwischen ihrer sexuellen Identität und ihrem Glauben wählen müssen.
Ein weiteres Beispiel ist die „Regenbogenpastoral“, die queere Gottesdienste organisiert und sich für eine inklusivere Theologie einsetzt.
Ein zersplitterter Diskurs, der zur Positionierung zwingt
Der christliche Diskurs über Sexualität in der Schweiz ist nicht einheitlich, sondern von Spannungen und Aushandlungsprozessen geprägt. Die Kirchen sind nicht mehr die zentralen Deutungshoheiten in der Gesellschaft, müssen sich aber dennoch zu gesellschaftlichen Entwicklungen positionieren.
Während einige Akteur:innen bestehende Lehren hinterfragen und anpassen möchten, verteidigen andere traditionelle Normen als Fundament des Glaubens. Diese Polarisierung wird durch die Säkularisierung verstärkt: Während kirchenferne Reformorientierte die Institutionen verlassen, konzentrieren sich traditionsbewusste Stimmen zunehmend innerhalb der Kirchen. Dadurch verschärfen sich innerkirchliche Debatten, während der gesellschaftliche Diskurs immer weiter in eine andere Richtung driftet.
Trotz dieser Spannungen befinden sich die Kirchen nicht in einem Stillstand.
Trotz dieser Spannungen befinden sich die Kirchen nicht in einem Stillstand. Vielmehr sind sie Teil eines kontinuierlichen Wandels, in dem sich religiöse Vorstellungen über Sexualität immer wieder neu verhandeln – sei es durch Anpassung, Abgrenzung oder Widerspruch.
Vertiefung durch persönliche Perspektiven: Artikelserie zu Religion und Sexualität
Dieser Artikel bildet den Auftakt einer Artikelserie, in der Studierende der Universität Bern verschiedene Perspektiven auf Religion und Sexualität beleuchten. Sie zeigen, wie Gläubige innerhalb religiöser Traditionen mit Fragen der Sexualität umgehen und welche individuellen Erfahrungen und Deutungen dabei eine Rolle spielen.
So gibt es Menschen, die sich in religiösen Gemeinschaften nicht akzeptiert fühlten und neue Wege gesucht haben, wie Ari Lee, die sich für eine Kirche einsetzt, die queere Menschen aktiv willkommen heisst. Andere, wie Ordensschwester Ingrid, leben ein zölibatäres Leben, reflektieren aber kritisch über die Bedeutung von Sexualität und Erotik in spirituellen Traditionen. Auch Eliane Bollag, die jüdische Paare auf die Ehe vorbereitet, zeigt, dass innerhalb religiöser Traditionen unterschiedliche Ansätze existieren, um Sexualität und Partnerschaft zu gestalten.
Einblicke in konservative evangelikale Positionen bietet das Gespräch mit Pastor Paul Bruderer, der sich intensiv mit Fragen der Sexualmoral auseinandergesetzt hat und zwischen traditioneller Lehre und gesellschaftlichem Wandel navigiert. Auch innerhalb muslimischer Kontexte gibt es vielfältige Zugänge zu Sexualität, wie das Gespräch mit dem Verein Al-Rahman in Zürich zeigt. Hier wird sichtbar, dass islamische Sexualethik nicht einheitlich ist, sondern individuell und theologisch unterschiedlich interpretiert wird.
Die Artikel werden in den kommenden Wochen auf religion.ch veröffentlicht und mit einem abschliessenden Beitrag von Janina Maris Hofer in einen wissenschaftlichen Kontext eingeordnet.
